Der Große Weg hat kein Tor

oder

Gedanken zur aktuellen Weinbaunovelle in Österreich

“Der Große Weg hat kein Tor” heißt das wegweisende Buch von Masanobu Fukuoka, einem der Pioniere der natürlichen Landwirtschaft. Die Bücher des Mikrobiologen gelten bis heute als Standardwerke der Permakultur und handeln von den Verflechtungen von Nahrung, Anbau und Leben, geschrieben in den 1970ern.

„Ich glaube, dass mit einem einzigen Reishalm eine Revolution beginnen kann. Auf den ersten Blick mag der Reishalm leicht und unbedeutend sein. Wer glaubt schon, dass damit eine Revolution anfangen könnte. Ich aber habe das Gewicht und die Kraft dieses Strohs kennengelernt. Für mich ist diese Revolution sehr real.“ - Masanobu Fukuoka

Es ist ein Text über die Folgen industrieller Landwirtschaft und den Versuch, Lösungen zu finden. Fukuoka sah durch seine Arbeit als Biologe die massiven Schäden, die eine wachsende Landwirtschaft in Japan im 20. Jahrhundert angerichtet hat. Seine Idee war, einen Schritt zurück zu gehen. „Degrowth“, würde man das in der heutigen Diskussion vielleicht nennen.

Immer größere landwirtschaftliche Betriebe sind in Österreich, aber auch weltweit, im 20. Jahrhundert entstanden, weil man damit eine Steigerung der Effizienz schaffte, die die Basis von wirtschaftlichem Erfolg sei. So der Kerngedanke der kapitalistischen Volkswirtschaft. Das trotz extensiver Landwirtschaft, viele Bauern es aber heute kaum noch schaffen zu überleben, widerspricht den Grundgedanken ebendieser Volkswirtschaft! Das ist bei der Viehzucht in weiten Teilen so, aber auch bei der Ackerwirtschaft und natürlich ebenfalls im Weinbau. Denn weltweite ungesteuerte Produktion und optimierter Ertrag schufen Überproduktion. Diese lässt nun die Preise verfallen. Mit Saft aus Trauben, statt Alkohol und Wein, werden wir da nicht weit kommen. Wir sollten uns vielmehr gedanklich darauf vorbereiten, dass bis zu einem Drittel der österreichischen Weinbaufläche in Zukunft vielleicht nicht mehr gebraucht wird!

Fukuokas Buch handelt im weitesten Sinn auch davon. Die Böden wurden auf Grund der Stickstoffdünger immer unfruchtbarer und die Einsatzmengen beim Pestizideinsatz wuchsen durch fehlende Nützlinge immer weiter an. Als Bauer versuchte er Lösungen zu finden und fand diese in jahrhundertealten Praktiken. Es ist ein Buch voller Ermutigung, aber auch eine Mahnung zur Eigenverantwortung. Eine Aufforderung, seine Umwelt zu beobachten und darin die Lösung zu suchen.

Das offizielle Weinbau-Österreich denkt lieber darüber nach, wie sie den Status quo erhält! Die hitzige Debatte um den „fehlerhaften“ 100 Punkte Lagenwein vom Weingut Moric ist dafür der beste Beweis. Von Roland Velich gewieft angefacht, zeigte sie, wie starrsinnig die weinbaupolitischen Vertreter auf Kritik, beziehungsweise Veränderung reagieren. Der Weinbaupräsident von Niederösterreich, Herr Schmuckenschlager, meinte dazu in der Vinaria, in einem leider mittlerweile gelöschten Artikel,

“Bei Qualitätsparametern wird es keine Aufweichung geben. Das ist das wichtigste Versprechen, das die Winzer den Konsumenten seit Jahren geben.“ 
- Schmuckenschlager

Doch sind seit der Einführung dieser Parameter gut zwanzig Jahre vergangen. Damals musste noch nicht die gesamte erste ÖTW Lage „Heiligenstein“, wie so manch andere als eine der besten Lagen Österreichs geltend, bewässert werden, um noch Weintrauben dort wachsen zu lassen!

Haben wir 2026 keine anderen Probleme als eine zwanzig Jahre alte Lagendiskussion? Wer kann wirklich sagen, wie ein Wein aus einer Lage schmecken muss? Flüchten wir uns in diese Ablenkungsmanöver, um von den wahren Problemen abzulenken?

Die großen klimatischen Veränderungen scheinen in der Diskussion für niemanden ein Thema. Sie sollten es aber dringend sein.

Ein Blick nach Frankreich würde da helfen. Warum sind in den Gremien keine Klimaforscher:innen einbezogen? Wie wollen wir wissen, welche Lagen bei fortschreitender Klimaerwärmung morgen noch das Potential einer „ersten Lage“ haben und wird sich ihr Geschmacksbild nicht auch verändern? 

Wie wegweisend könnte es sein, Qualität in Verbindung mit nachhaltigem Arbeiten zu denken. Wir werden unsere Klimaziele erreichen müssen, Stickstoffdünger und Traktorfahren werden uns da nicht helfen.

Als Speerspitze unseres Systems könnte Qualitätswein aus einem lebendigen Ökosystem kommen müssen. Lagenweine könnten sogar einer Verpflichtung zum C02 neutralen Anbau unterliegen! Das ist Ökodiktatur! Die amtlichen Stellen könnten den Humusgehalt im Boden kontrollieren und Winzer:innen bei Begrünung und Kompostwirtschaft beraten, statt in Kellern nach „Fehlern“ zu suchen. Wie viel CO2 könnte durch die Begrünung gebunden werden! Das wären relevante Größen am Rückenetikett und nicht aussagelose Nährwerttabellen. Aber das wäre ja unfair den Winzern gegenüber, die nicht biologisch arbeiten „können“. Sollten wir uns nicht ernsthaft darüber unterhalten, ob Lagenwein mit Grundwasser bewässert werden darf? Was ist das für ein Umgang mit Ressourcen! Noch dazu in Kombination mit Stickstoffdünger. 

Wir fördern die Verwüstung unserer Böden durch die industrielle Landwirtschaft mit unserem Grundwasser und befeuern dabei eine Todesspirale der verfallenden Traubenpreise. 

Anstelle hier mutig Veränderungen gegen die Überproduktion anzustoßen, gibt es Agrardiesel und andere Förderungen! Das wird im Weinbau aber leider niemandem helfen! Die Handelsriesen freuen sich, weil sie noch nie so günstig zu Wein gekommen sind und drücken die Preise weiter. Anstelle darüber zu reden, gibt es markige Sprüche „Mit dem Zukunftsplan 2020 – 2025 habe ich, als Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, den Anspruch der Themenführerschaft ausbauen können.“ Wir werden nicht verhindern können, dass Menschen weniger Alkohol trinken und damit viele Weinbauer:innen ihre Geschäftsgrundlage verlieren. 

Wir sollten uns aber fragen, welche ethische Verpflichtung die Gesellschaft hat und damit die Gesetzgebung hier sinnstiftend zu handeln? 

Wir könnten verhindern, dass aus unwirtschaftlichen bäuerlichen Betrieben Looser werden. Statt unvermittelbare Sozialhilfeempfänger aus ihnen zu machen, könnten wir versuchen, sie zu gewinnen, motivierte Teilhaber eines sinnstiftenden sozialen Projekts zu werden. Wir zahlen ihnen Stilllegungsprämien und machen ihre gerodeten Flächen zu einer Allmende. Denn roden werden sie müssen, doch viele Betriebe können sich das nicht leisten. Allein der Kirche wurden heuer über 1000ha Pachtweingärten in Niederösterreich zurückgegeben. Was machen die eigentlich damit?

Eine Allmende, Land, das niemanden und allen gehört, nicht dem Staat und nicht dem Einzelnen, wäre für uns alle eine Übung in Gemeinschaft. Gemeinschaftlich zu nutzen, zu verwalten und zu pflegen. Eine Chance für Besitzlose, eine Ressource für zukünftige Generationen. Klingt utopisch, nein, die Idee ist 2000 Jahre alt und seit Jahrhunderten erfolgreich. Ganz nebenbei wäre es ein wunderbarer CO2 Speicher für unsere Volkswirtschaft! 

Das Verringern der Rebflächen wird auch eine Erholung des Traubenpreises bringen und den verbleibenden Winzer:innen die Zukunft leichter machen. Solche staatlich unterstützen Renaturierungen wären nachhaltig und sinnvoll. Wie würde ich so eine:n Landwirtschaftsminister:in feiern? Wann wachen wir auf, und erkennen dass wir eine Verpflichtung gegenüber unseren Enkelkindern haben!

Aber was hat das mit uns als Konsument:innen zu tun? Alles! Denn nur für uns wird dieses Brimborium aufgeführt! Wir sind ja die, die man vor dem Etikettenschwindel bewahren muss. Schon vergessen!

Fukuoka glaubte, dass eine Revolution mit einem einzigen Strohhalm beginnen kann. Vielleicht sollte die nächste Revolution im österreichischen Weinbau nicht mit einer neuen Verkostungskommission, sondern mit der einfachen Frage beginnen, was Qualität im 21. Jahrhundert überhaupt bedeutet.

 

-  Moritz -

 

ps: Wir freuen uns über Feedback und eure Gedanken zu unserem Text!