Zwischen den Zeilen – Keine Angst!

Beim Aufräumen unserer Website stolperte ich über zwei alte Texte, die ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Ein Interview mit Moritz in zwei Akten. Über die Anfänge als Weinhändler, die Gründung des Weinskandals, Werte und Überzeugungen. Vor über fünf Jahren, als ich mich um ein Praktikum bewarb, überzeugten mich diese Texte. Wer weiß, ob ich ohne sie schlussendlich in Wien gelandet wäre. Nach ein paar Jahren wird es nun Zeit ihre Aktualität zu beleuchten - fühlen sie noch den Puls der Zeit oder sind sie Relikte der Vergangenheit.

Was ist Naturwein? - 2018
Stecken wir mitten in einem neuen Weinskandal? - 2019

Der wesentliche Unterschied zur damaligen Momentaufnahme ist die Stimmung innerhalb der Branche. Der Aufstieg des Naturweins in Österreich war ein rasanter. Auf die intensive Phase des Stürmens und Drängens folgte schnell der Höhenflug. Die ganze Welt wollte österreichischen Naturwein. Kleine landwirtschaftliche Betriebe entwickeln sich zu Firmen. Der Goldrausch brach aus unter den Winzer:innen. Alle dachten es geht ewig so weiter!
 
Vor etwa drei Jahren begann die Götterdämmerung. Der Aufstieg blieb aus. Sinkender Weinkonsum. Wirtschaftskrise. Politische Eruptionen.
Unruhe macht sich breit!
 
 
Bei vielen bricht die Panik aus. Panik, die von dem medialen Aufruf zur Abstinenz und dem sinkenden Weinkonsum nur geschürt wird. Die differenzierte Betrachtung der Sachlage ist jedoch meist Mangelware! Dorli Muhr und Roland Velich beispielsweise meinten unlängst in der Presse, gerade ihre besten Betriebsergebnisse erzielt zu haben. Also arrivierte Betriebe funktionieren! Auch wir dürfen nicht klagen. An dieser Stelle vielen Dank an euch, liebe Kund:innen.
 
Wir müssen aufhören darüber zu reden, dass Wein nicht mehr getrunken wird, sondern wie sich der Konsum verändert. Es wird definitiv anders getrunken! Das Augenmerk mehr und mehr auf Qualität, nachhaltige Landwirtschaft und Handwerk gelegt. Strukturell tiefgreifende Probleme gibt es primär bei Produzent:innen mit mangelndem Profil und großer Masse, beim Billigsortiment aus dem Discounter.
Das sind oft riesige Abfüller, die Weine irgendwo zukaufen und herrichteten. Ganz im Stil großer internationaler Marken. Ehrlich gesagt bin ich auch ein wenig froh, dass diese Firmen aussterben. Denn unser primäres Ziel sollte bleiben nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen und zu fördern. Ein Ziel, dass von der Agrarlobby durch Greenwashing und Scheinzertifikate unterwandert wird, aber konträr zum höchstkapitalistischen Konsum dieses Billigprodukts steht.
 
Doch zurück zum Keim der Panik. Er macht sich breit in den Köpfen. Bei den einen vielleicht zurecht, doch schwappt er, so scheint es mir, wie ein Infekt, unreflektiert, auf die ganze Branche über. Manche, werfen gleich mal, in vorausschauendem Gehorsam, ihre Orientierung und Commitment über Bord. Eine Welle des Neokonservatismus baut sich auf. Der bewusste Schritt zur Individualität wird zurück genommen, um markttauglicher zu sein! Ich bin mir nicht sicher, ob man damit nicht viel von dem zerstört, was wir die letzten zwanzig Jahre aufgebaut haben.
Weiters muss ich gestehen, auch wir sind hier Täter in unserer Schuldzuweisung! Wir kaufen weniger experimentell ein als früher und schielen mehr auf den Markt.
 
Die Branche redet sich ein, dass die Leute doch wieder klassischer trinken würden, doch ich bin überzeugt, dass diese Entwicklung aus unseren Reihen rührt. Hochgeschaukelt durch die Panik der Weinbranche. Ein sich selbst beschleunigendes Wechselwirken zwischen Produktion, Handel und Gastronomie. Denn wenn wir unsere Zahlen anschauen, seid ihr liebe Kund:innen, weiterhin super experimentierfreudig und offen.
 
Angst war nie ein guter Berater! Darum fürchte ich um den Spross der Schöpferkraft, den Mut, den Naturweingedanken und den Gedanken der Nachhaltigkeit - im Sinne der Arbeit für die nächsten Generationen. Ein sehr sinnstiftendes Ziel, von dem wir uns moralisch nicht verabschieden können. Denn der Klimawandel setzt nicht aus, nur weil die Wirtschaft sich im Wandel befindet.
 
Neokonservatismus ist viel mehr als nur eine Änderung des Konsumverhaltens und darf nicht zum Verrat unserer innersten Werte werden.